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Talk mit Dr. Carola Halhuber - Karrierefrau und Mutter

Im Gespräch

Dr. Carola Halhuber über das Karriere machen als Frau und Mutter

Frau Dr. Carola Halhuber, 86 Jahre alt, lebte schon vor 40-60 Jahren Karriere mit 5 Kindern! Bereits mit Mitte 40 Chefärztin einer Klinik für Kardiologie zu werden, und Karriere mit Kind als Frau zu machen, war damals ungewöhnlich. Doch bereits davor lebt Carola Außergewöhnliches vor. Studium und eigene Praxis waren ihr mit 5 Kindern möglich, da ihr Mann als Profisportler ihr beruflich den Rücken freihielt und sich – mit Unterstützung – um Haus, Kinder und vieles mehr kümmerte.

Sie berichtet mit einem schmunzeln, dass ihre 5 Kinder Sonntags fluchen und alle Schimpfwörter raus lassen durften und sollten. Bereits nach wenigen Momenten, fielen ihnen keine mehr ein und unter der Woche war Ruhe und es wurde bei Bedarf wieder auf Sonntag verwiesen… 😉

Interview

Marina: Du hast einen außergewöhnlichen Werdegang! Du hast bereits mit 17 Jahren dein Abitur als einziges Mädchen in einer Bubenklasse abgeschlossen. Deine beiden ersten Kinder wurden während deines Medizinstudiums geboren, deine weiteren Kinder, als du bereits deine eigene Praxis hattest. Was bedeutete es daher für dich zu studieren und zu arbeiten und kleine Kinder zu haben?

Carola: Ich hatte ein Vorbild: meine Mutter, geb. 1897, hat zeitlebens mit zwei Kindern als Ärztin gearbeitet. In meiner Gymnasialklasse war sie die einzige Mutter, die berufstätig war.

Im Studium und später in der eigenen Praxis teilten mein Mann und ich sich die „Care“-Arbeit. Das war damals ungewöhnlich. Mein Mann war Kroate und hatte im Krieg gedient. Er hatte dort erlebt, was es für Frauen bedeutete ohne Abschluss oder Ausbildung während dem Krieg oder nach dem Tod ihrer Männer, alleine für die Familie zu sorgen. Daher war für uns beide klar, dass ich mein Studium beenden und meinen Beruf ausüben würde.

Allerdings musste mein Verdienst immer auch für eine Haushaltshilfe, mindestens halbtags, reichen: der Haushalt mit Einkaufen, Entsorgen, Waschen, Bügeln, Kochen, Putzen und was alles noch dazugehört, war wochentags nicht zusätzlich zu schaffen. Aber: Wohnung und Praxis waren im selben Haus, und wir hatten einen kleinen Garten, wo die kleineren Kinder nachmittags spielten und immer ganz in meiner Nähe waren.

Ärztin und Mutter eine Herausforderung – damals und heute!

Marina: Damals gab es noch keinen Mutterschutz oder Elternzeit. Ist es richtig, dass du bereits wenige Stunden nach der Geburt deines dritten Kindes eine Krebspatientin medizinisch versorgtest? Was bedeutete das für deine Kinder und für dich?

Carola: Ja, das war einmal so. Die Patientin hatte große Schmerzen und ich war ihre Ärztin. Ich habe alle meine Kinder zuhause mit Hebamme entbunden und am Folgetag wieder in der Praxis gearbeitet. Denn ich war die Ernährerin der Familie.

Das war in den 50er Jahren, als eine Frau nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes überhaupt arbeiten durfte und ohne ihn nicht einmal ein Girokonto eröffnen konnte, wahrscheinlich eher für ihn schwierig, als für mich.
Sicher gab es für die Kinder Notwendigkeiten, die sie kannten: ,,Mama ist im Sprechzimmer mit einem Patienten, da darf man sie nur im Notfall stören“. Dann mussten sie sich an den Papa, die Haushaltshilfe oder die älteste Schwester wenden, oder einen Wunsch bis zum Mittagessen aufschieben.

Marina: Was war deine wichtigste Unterstützung um deine Karriere mit Kindern zu leben? Welche Tipps hast du für Karriere mit Kind? Und was würdest du nochmal genau so gestalten?

Carola: Meine wichtigste Unterstützung waren mein erster Mann, und nach seinem frühen Tod mit 50 Jahren, mein zweiter Mann: jeder auf seine höchst eigene Art. Da mein zweiter Mann voll berufstätig war und meine Kinder erst 14, 12, 9, 8 und 6 Jahre alt waren, suchte und fand er eine ganz besondere Hilfe. Zum ersten Mal hatte ich ganztags Unterstützung, die mir wochentags den ganzen Haushalt und vieles mehr abnahm. Mittlerweile assistiert sie mir seit über 50 Jahren!

Mein Tipp: ich würde auf jeden Fall Ausbildung oder Studium sorgfältig auswählen und fertig machen. Und in meinem Beruf arbeiten. Außerdem würde ich meinen Partner an der sogenannten „Care-Arbeit“ beteiligen. Die partielle Fremdbetreuung würde ich sorgfältig und optimal organisieren. So paradox es sich anhört – mit der Fülle des Unvorhersehbaren rechnend – gut improvisieren. Und, wenn möglich, darüber hinaus individuelle Hilfe ins Auge fassen: Eltern, Familie, Freunde. So haben es auch meine Töchter, Schwiegertöchter und Stieftöchter gemacht.

Was bedeutet Karriere als Mutter für dich selbst?

Marina: Karriere und Kinder brauchen viel Zeit. Da kommt sicherlich etwas zu kurz oder fällt hinten runter. Auf was musstest du verzichtet, um deinen außergewöhnlichen Werdegang mit 5 Kindern zu verwirklichen?

Carola: Mir fällt kein Verzicht ein, der mich belastet hätte. Vielleicht Folgendes: Ich hatte als Kind Reiten und Tennisspielen gelernt. Aber erst als die eigenen Kinder studierten, konnte auch ich wieder mit dem Reiten beginnen. Erst mit 83 Jahren habe ich mein letztes Pferd abgegeben. Retrospektiv fällt mir auch ein, dass ich in jenen Jahren kaum dazu kam, den Fernseher einzuschalten oder Zeitungen ganz zu lesen.

Die Herausforderungen

Marina: Was waren die größten Herausforderungen mit deinen Kindern? Wie kamen sie zustande und wie konntest du sie lösen?

Carola: Ich zog mit 35 Jahren (nach dem frühen Tod meines ersten Mannes) mit den 5 Kindern aus einer Kleinstadt, in der die Kinder gerne auf ihre Schulen gingen, nach Bayern, wo die Kinder im Nachbarort in eine sehr große Schule gehen mussten. Nach einem Vierteljahr war mir klar, dass sie zutiefst schulunglücklich waren. Ich fand für die 4 Älteren das Skigymnasium am Obersalzberg auf 1200 m Höhe, wo nachmittags gewandert, geklettert, Kajak gefahren, Skigefahren wurde. Die Kinder kamen „schulglücklich“ am Freitag nach Hause und fuhren „schulglücklich“ Sonntagabend wieder auf den Obersalzberg. Das war uns nur möglich, da wir 2 ½ Stipendien bekommen hatten.

Marina: Was waren deine größten beruflichen Herausforderungen und wie konntest du sie lösen?

Carola: Die Zeit der Weiterbildung als Assistenzärztin in einem Krankenhaus zur Fachärztin der Kardiologie mit Nachtdiensten und Wochenenddiensten. Die Wochenenddienste dauerten von Freitagfrüh bis Montagabend! In der Zeit mussten der Papa und unsere Hauswirtschafterin übernehmen.

Schwierig war für mich immer eine Betreuung während der 6wöchigen Sommerferien zu organisieren. Da gab es das lokale Schwimmbad, den Tennisclub, Wanderungen, Radfahren, Freunde, eine Schwägerin mit gleichaltrigen Kindern, die einsprang, einen lieben und geliebten Onkel in Kroatien, eine Patentante mit Garten und Gartenhäusle. Kurzum, es ging nur mit viel Unterstützung! Für die älteren Kinder gab es später auch Sprachaufenthalt im Ausland in Gastfamilien ….

Als ich Chefärztin und Ärztliche Direktorin wurde, waren die Kinder „aus dem Gröbsten raus“: 16, 18, 19, 22, 24.

Vorwürfe als Karrierefrau und Mutter…

Marina: Du erzähltest, dass dein ältester Sohn so fürchterlich weinte, wenn du ihn in den Kindergarten brachtest, dass dir das noch heute präsent ist. Was lösen diese Erinnerungen in dir aus? War es dadurch schwierig für dich deine Kinder in Betreuung zu geben? Welche Erfahrungen hast du ansonsten mit der damaligen Kinderbetreuung gemacht?

Carola: Ja, mein ältester Sohn kam in den Kindergarten und weinte in den ersten 3 oder 4 Tagen morgens heftig. Ich blieb dann unglücklich vor der Kindergartentür sitzen, bis er nicht mehr weinte. Damals fand Kindergarten nur werktags von 9 – 12 Uhr statt, und es war – wie heute – schwer, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Ich habe bis auf diese ersten Tage keine unguten Erinnerungen an die Kindergartenzeit; die Kinder gingen offensichtlich gerne hin und erzählten mittags vergnügt davon.

Marina: Eine der Sorgen vieler Eltern bei Karriere mit Kindern ist, dass die Kinder zu kurz kommen. Und das wird ihnen heute zumindest häufig auch vorgeworfen. Was erwiderst du Menschen, die diese Meinung vertreten?

Carola: Das war schon vor 75 Jahren so, als meine Mutter, als Ärztin, die einzige berufstätige Mutter meiner Gymnasialklasse war. Meine Schwester, die Juristin geworden ist und ich hatten allerdings nie das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein!

Wem wird denn die Berufstätigkeit als Mutter „vorgeworfen“? Nicht der Bäckersfrau, die im Laden stehen muss, wenn der Mann in der Backstube ist. Nicht den Müttern der fast 3 Millionen Kinder, die in Deutschland von Armut bedroht sind (Bertelsmann-Stiftung). Dass arme Kinder vielfältig zu kurz kommen, wird wenigstens nicht ihren armen Müttern zum Vorwurf gemacht.

Vorgeworfen wird die außerhäusliche Berufstätigkeit also nur Frauen, die ohne wirtschaftliche Not, verheiratet mit einem gesunden, wohlhabenden bzw. gut verdienenden Ehemann, nicht getrennt, geschieden oder verwitwet ihrem Beruf nachgehen wollen! Nicht müssen, statt sich in Vollzeit um die Kinder zu kümmern. Eine Kollegin erzählte mir einmal bedrückt, dass ihr ihre Schwiegermutter derartige Vorwürfe machte. Ich hatte keine Schwiegermutter und habe solche Vorwürfe nie bekommen.

Viel gefährlicher können nach meiner Einschätzung Selbstvorwürfe der Mütter sein: dann lastet man sich jede schlechte Schulnote, jedes aufgeschlagene Knie eines Kindes an. Weil man ja als Mutter – ohne Not – berufstätig ist.

Meine Schwester und ich konnten unsere Mutter völlig hilflos machen, wenn wir mit einem „armes-Kind-Gesicht“ etwas weinerlich sagten: ,,Du hast ja nie-ie-ie-ie Zeit für mich!“ Dann ließ unsere Mutter alles liegen und stehen. Soviel zur Macht der Selbstvorwürfe.

Karrierefrau und der Papa in der Carearbeit!

Marina: Dein erster Mann hat sich, vor seinem frühen Tod, neben seiner Tenniskarriere, um Haus, Kinder und Praxis gekümmert. Wie war diese damals noch sehr ungewöhnliche Lebenskonstellation für euch und euer Umfeld?

Carola: Mein Mann war nicht nur Tennisprofi (kroatischer Davis Cup Spieler), er war auch Migrant. Ich vermute, dass in der Kleinstadt hinter unserem Rücken durchaus gelästert wurde. Ich glaube, dass wir beschlossen hatten, uns nicht darum zu kümmern und uns den Tratsch schon gar nicht zu Herzen zu nehmen. Das wurde allerdings etwas schwieriger, als ich nach seinem Tod eine Weile alleinerziehend war.

Marina: Gibt es etwas hinsichtlich Karriere mit Kindern, von dem du rückblickend wünschtest, du hättest es anders gemacht?

Carola: Nein. Ich habe mir immer eine große Familie und eine Laufbahn als Ärztin gewünscht. Auch damals waren schon nur 2 Kinder üblich. Mein zweiter Mann hatte selbst auch 5 Kinder. Wir hatten zwischenzeitlich 7 Kinder gleichzeitig in Schule oder Studium, daher weiß ich recht gut, dass Kinder auch teuer sind (im engeren und weiteren Sinn des Wortes).

Ich war nicht nur mit Mann und Kindern in unserer Familie glücklich, sondern darüber hinaus auch als Ärztin und Chefärztin berufsglücklich.

Was hat sich heute geändert?

Marina: Was wünschtest du, wäre im Kontext Kind & Karriere heute möglich?

Carola: Es müsste viel mehr gute, günstige, verlässliche Kitas und Ganztagsschulen mit einem (halbwegs) gesunden Mittagessen geben. Bei geringem Einkommen der Eltern alles kostenfrei.

Marina: Was ist das Geheimnis zu deinem Erfolg?

Carola: Etwas besser zu sein als Männer in vergleichbarer Position reichte damals – und wahrscheinlich heute – völlig aus.

Vielen herzlichen Dank fürs Teilen deiner ganz persönlichen Erfahrungen, Carola!

– Dr. Carola Halhuber

Willst du mehr zu heutigen Konstellationen von Karriere mit Kindern lesen? Dann filter im Blog nach Let’s Talk oder lies bspw. das Interview von Patricia, die 6 Jahre lang mit Babys und Kleinkindern arbeitete oder Katharina, die als CEO tätig ist mit Fernbeziehung und 2 Kids. Und wenn du dich begleiten lassen möchtest, dein ganz persönliches Modell zu finden: Dann schau doch mal in meinem Kind und Karriere Coaching vorbei.

Deine Marina Eltern und Karriere Coaching

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