Was ist Antiautoritäre, Laissez-faire oder Permissive Erziehung?
Definition, Merkmale, Beispiel und Folgen
Die antiautoritäre, permissive und die Laissez-faire Erziehung werden häufig mit Freiheit, Selbstbestimmung und einer modernen Haltung gegenüber Kindern verbunden. Gleichzeitig stehen sie regelmäßig in der Kritik. Denn wie viel Freiheit brauchen Kinder wirklich? Und wann wird aus Selbstbestimmung fehlende Orientierung? In diesem Artikel erfährst du, was antiautoritäre Erziehung, permissive Erziehung und Laissez-faire Erziehung bedeuten, welche Merkmale und Beispiel typisch sind und welche Vor- und Nachteile diese Erziehungsstile für Kinder haben können.
Ab jetzt geht es in diesem Artikel um:
Was ist antiautoritäre Erziehung
Antiautoritäre Erziehung ist ein Erziehungsstil, der Hierarchien, Regeln und Autorität bewusst reduziert. Statt Gehorsam stehen Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und freie Entfaltung der Kinder im Fokus. Doch sie bewirkt nicht das, was Eltern sich dadurch erhoffen.
Zwischen Wunsch und Realität
Anders als in den 70ern, entscheiden sich heute die wenigsten Eltern bewusst für eine antiautoritäre Erziehung.
Viel häufiger beginnt es mit einer ganz anderen Absicht. Eltern möchten ihrem Kind zuhören. Sie möchten Bedürfnisse ernst nehmen. Sie möchten keine Angst erzeugen, nicht schimpfen und keine Machtkämpfe führen. Oder die Freiheit wird als Notwendigkeit für die Persönlichkeitsentfaltung erlebt.
Oft spielen auch die eigenen Erfahrungen eine Rolle. Wer selbst viel Druck, Strenge oder wenig Mitspracherecht erlebt hat, möchte seinem Kind genau das ersparen.
Aus einem verständlichen Wunsch entsteht dadurch manchmal eine unerwartete Dynamik: Grenzen-setzen fühlt sich unangenehm und vielleicht sogar falsch an. Ein Nein löst Schuldgefühle aus. Konsequenzen wirken schnell hart. Dadurch wird nachgegeben oder erst gar keine Grenze gesetzt.
Viele Eltern stellen sich dadurch nicht die wichtige Frage: „Braucht mein Kind gerade Orientierung?“ Sondern: „Bin ich gerade zu streng?“
Genau dort beginnt häufig die Lücke zwischen dem Ziel nach Beziehung und dem Bedürfnis von Kindern nach Orientierung.
Parallelen der Erziehungsstile: Antiautoritär, permissiv & Laissez-faire
Die drei Begriffe antiautoritäre, permissive und Laissez-faire Erziehung haben eine große Schnittmenge. Ganz genau genommen beschreiben sie aber nicht dasselbe. Permissive und laissez-faire Erziehung sind wissenschaftlich definierte und untersuchte Erziehungsstile. Die antiautoritäre Erziehung entstand dagegen als gesellschaftliche Gegenbewegung zu einer strengen, autoritären Erziehung.
Genau diese Ideen haben moderne Erziehung bis heute geprägt.
In der Praxis verfolgen sie eine ähnliche Grundidee: Kinder sollen möglichst selbstbestimmt aufwachsen und Erwachsene greifen vergleichsweise wenig ein.
Gleichzeitig zeigt sich im Alltag aber ein einheitliches Problem dieser Stile: Kinder brauchen nicht nur Freiheit, sondern auch Orientierung.
Woran du sie erkennst
Wenig Orientierung und Vorgaben
Regeln, Erwartungen oder feste Strukturen werden möglichst reduziert, damit Kinder eigene Erfahrungen sammeln und selbst Lösungen finden können. Dadurch fehlt Kindern allerdings auch ein verlässlicher Rahmen, an dem sie sich orientieren können.
Feedback wird vermieden
Grenzen oder Feedback für Verhalten wird nur zurückhaltend eingesetzt. Kinder erleben dadurch weniger Rückmeldung darüber, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere Menschen hat.
Erwachsene halten sich bewusst zurück
Eltern möchten möglichst wenig kontrollieren oder eingreifen und vertrauen darauf, dass Kinder aus eigenen Erfahrungen lernen. Manche Kinder profitieren davon, andere brauchen deutlich mehr Begleitung und Orientierung. Das gilt beispielsweise häufig für Kinder mit ADHS.
Beziehung vor Orientierung
Die Beziehung zum Kind steht im Mittelpunkt. Das ist eine große Stärke dieses Ansatzes. Fehlen jedoch klare Grenzen und Orientierung, kann genau das zu Unsicherheit führen – obwohl eigentlich das Gegenteil beabsichtigt war.
Genau deshalb verfolgen diese Erziehungsstile ein nachvollziehbares Ziel: Kinder sollen zu selbstständigen, verantwortungsvollen und selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen. Vor allem dieser Wunsch beeinflusst viele Entscheidungen von Eltern im Alltag.
Beispiel aus dem Alltag: für antiautoritäre, permissive oder laissez-faire Erziehung
Die folgenden Beispiele zeigen typische Situationen, in denen sich diese Haltung im Familienalltag widerspiegeln kann:
Schlafenszeit
Kind: „Ich bin noch gar nicht müde.“ Eltern: „Du kennst deinen Körper am besten. Du entscheidest selbst, wann du schlafen gehst.“
Dahinter steckt ein nachvollziehbarer Gedanke: Kinder sollen lernen, auf ihren eigenen Körper zu hören. Gleichzeitig brauchen viele Kinder gerade bei Routinen noch Unterstützung, weil sie die Folgen ihrer Entscheidungen noch nicht zuverlässig einschätzen können.
Hausaufgaben
Kind: „Ich habe heute keine Lust auf Hausaufgaben.“ Eltern: „Das ist deine Entscheidung.“
Dahinter steckt häufig der Wunsch, Eigenverantwortung zu fördern. Gleichzeitig entwickeln Kinder genau diese Eigenverantwortung oft erst Schritt für Schritt und brauchen anfangs noch Begleitung.
Streit unter Geschwistern
Eltern: „Das müsst ihr unter euch klären.“
Viele Eltern möchten ihren Kindern zutrauen, Konflikte selbst zu lösen. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Kinder benötigen dabei jedoch noch lange Unterstützung, damit nicht einfach der stärkere gewinnt, um Kompromisse zu finden oder die Perspektive des anderen einzunehmen.
Welche Folgen entstehen?
Viele Eltern entscheiden sich für eine antiautoritäre, permissive oder Laissez-faire Erziehung, weil sie selbstständige, selbstbewusste und verantwortungsvolle Kinder fördern möchten.
Genau hier zeigt die Forschung jedoch einen überraschenden Zusammenhang: Bereits in den Studien von Diana Baumrind schnitten Kinder aus permissiven Familien bei Selbstkontrolle, Explorationsverhalten und teilweise auch beim Selbstvertrauen schlechter ab als Kinder, die autoritativ erzogen wurden. ¹, ²
Diese Zusammenhänge wurden durch spätere Forschung und Übersichtsarbeiten weitgehend bestätigt.3, 5
Schwierigkeiten mit Grenzen
Kindern, die selbst nur wenige Grenzen erleben, fällt es häufig schwerer, die Grenzen anderer Menschen wahrzunehmen und zu respektieren. Das kann sich auf Freundschaften, Partnerschaften oder das Miteinander in Gruppen auswirken.1, 3
Geringere Selbstkontrolle
Wenn Kinder viele Entscheidungen ausschließlich nach dem Lustprinzip treffen, entwickeln sich Selbstkontrolle und das Aufschieben eigener Bedürfnisse häufig langsamer. Unangenehme Aufgaben werden eher vermieden oder hinausgezögert. 1, 2, 3
Weniger Frustrationstoleranz
Kinder entwickeln Frustrationstoleranz, indem sie begleitet lernen, trotz Unlust Ziele zu verfolgen und Rückschläge zu bewältigen. Fehlt diese Erfahrung regelmäßig, können Enttäuschungen oder Widerstände schwerer verarbeitet werden. 3, 5
Schwierigkeiten mit Feedback und Vorgaben
Kinder profitieren davon, einen angemessenen Umgang mit sozialen Regeln, Kritik und Erwartungen zu lernen. Fehlt diese Erfahrung, fällt es später häufig schwerer, sich in Schule, Ausbildung oder Beruf in bestehende Strukturen einzufügen.2, 3
Orientierung gibt Sicherheit
Manche Kinder benötigen besonders viel äußere Struktur. Das gilt häufig auch für Kinder mit ADHS. Ein verlässlicher Rahmen schafft Orientierung und erleichtert Selbststeuerung und Lernen.1, 2, 3, 4
Gegenteiliger Effekt
Diana Baumrind stellte in ihrer Forschung fest, dass permissive Erziehung die niedrigste Ausprägung bei Selbstvertrauen, Explorativität und Selbstkontrolle bedeuten. Und das obwohl häufig doch gerade für diese Vorteile, eben diese Erziehung gewählt wird. Jedoch erfüllt es das Ziel in keiner Weise.
Elternsein: worauf es wirklich ankommt
Zu oft wird die Wichtigkeit von Grenzen nicht erkannt. Und gleichzeitig ist es schwierig Grenzen und Beziehung gleichzeitig zu vermitteln.
Du hast vermutlich schon viele Bücher gelesen, hörst Podcasts, folgst Input auf Instagram. Irgendwann hast du unglaublich viel Wissen gesammelt. Und trotzdem stehst du vor deinem Kind und denkst: “Warum funktioniert das bei uns nicht?”
Oder du kennst das Gefühl, ständig zwischen verschiedenen Ratschlägen abzuwägen. Und dir fehlt Klarheit.
Das liegt daran, dass pauschale Lösungen zu oberflächlich ansetzen. Dein Kind bringt seine Persönlichkeit mit, Temperament, Entwicklung und Erfahrungen. Vielleicht eine Neurodivergenz. Und du bringst deine Geschichte, deine Belastung, deine Werte und deine eigenen Trigger mit.
Genau deshalb geht es in den Coachiba Elterncoachings um viel mehr als pauschale Tipps, du lernst Lösungen passend zu dir und zu deinem Kind zu gestalten. Zu unterscheiden, wann braucht dein Kind Schutz und Verständnis, wann braucht es Orientierung.
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Studienergebnisse mit Erziehungsauswirkungen
¹ Baumrind, D. (1967) Child care practices anteceding three patterns of preschool behavior. Genetic Psychology Monographs, 75(1), pp. 43–88.
² Baumrind, D. (1971) Current patterns of parental authority. Developmental Psychology Monograph, 4(1, Pt. 2), pp. 1–103.
³ Maccoby, E.E. and Martin, J.A. (1983) Socialization in the context of the family: Parent-child interaction in Mussen, P.H. and Hetherington, E.M. (eds.) Handbook of Child Psychology. Vol. 4: Socialization, Personality, and Social Development. New York: Wiley, pp. 1–101.
⁴ Barkley, R.A. (2013) Taking Charge of ADHD: The Complete, Authoritative Guide for Parents. 3rd edn. New York: Guilford Press.
⁵ Goagoses, N., Schultze-Lutter, F., Kamp-Becker, I. and Klein, A.M. (2023) Parenting styles and emotion regulation in childhood and adolescence: A systematic review and meta-analysis. Current Psychology, 42, pp. 25745–25767.
Leseempfehlung
Barber B. K., & Xia M. (2013). The centrality of control to parenting and its effects.
Alle Coachiba Blogbeiträge sind selbst verfasst, regelmäßig aktualisiert und umfangreich recherchiert.



