Erziehung aus der Hölle – autokratische Erziehung
Folgen, Spätfolgen, Beispiele
Vielleicht hast du Sätze gehört wie: “Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …”, “Ein Kind hat zu gehorchen.”, “Hör auf zu heulen.” Oder du hast gelernt, dass Widerworte oder Fehler bestraft werden. Viele Erwachsene fragen sich erst Jahre später, ob ihre strenge Erziehung von früher eigentlich “normal” war – und welche Auswirkungen sie bis heute haben kann. In diesem Artikel erfährst du, was autokratische Erziehung und die sogenannte Erziehung zur Hörigkeit ausmacht, welche Folgen sie für Kinder haben kann und warum viele Verhaltensweisen bis heute über Generationen weitergegeben werden.
In diesem Artikel geht es um:
Was ist autokratische Erziehung
Die autokratische Erziehung ist die extremste Form einer strengen Erziehung. Im Unterschied zur autoritären Erziehung geht es hier nicht nur um Gehorsam, Regeln und Kontrolle. Ziel ist es, das Kind unterzuordnen und den eigenen Willen des Kindes zu unterdrücken.
Eigene Bedürfnisse, Gefühle oder Meinungen haben keinen Platz. Kinder dürfen nicht widersprechen, Entscheidungen werden ausschließlich von den Erwachsenen getroffen und Fehler werden häufig mit Strafen, Drohungen, Demütigungen oder Gewalt beantwortet.
Die Beziehung zum Kind spielt dabei kaum eine Rolle. Statt Vertrauen und Eigenständigkeit zu fördern, soll das Kind lernen zu funktionieren, zu gehorchen und Autoritäten nicht zu hinterfragen. Genau deshalb wird diese Form der strengen Erziehung häufig auch als Erziehung zur Hörigkeit bezeichnet.
Daran erkennst du autokratische Erziehung – Beispiele
Gehorsam statt Beziehung
Kinder sollen Anweisungen befolgen, ohne sie zu hinterfragen. Eigene Meinungen oder Bedürfnisse spielen keine Rolle.
Strafen statt Begleitung
Fehler werden mit Strafen, Drohungen, Beschämung oder Gewalt beantwortet. Ziel ist nicht Lernen, sondern Gehorsam.
Der eigene Wille wird unterdrückt
Kinder sollen lernen, ihre Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen. Eigenständigkeit wird als Ungehorsam interpretiert.
Emotionale Distanz
Nähe, Trost oder Verständnis gelten als Schwäche oder als Gefahr, das Kind zu “verwöhnen”. Die Beziehung tritt hinter Disziplin und Kontrolle zurück.
Erziehung zur Hörigkeit
Die Überzeugungen begleiten über Jahrzehnte als fester Bestandteil der Kindererziehung.
Besonders bekannt wurde die Kinderärztin Johanna Haarer, deren Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” millionenfach verbreitet wurde und die Erziehung während der NS-Zeit entscheidend prägte.
Dieses Buch wurde leider bis in die 90er Jahre millionenfach verkauft und ist der Grund dafür, warum viele Eltern Angst haben durch sanftere Erziehungsarten einen Tyrannen zu kreieren.
2 Beispiele für autokratische Erziehung
Was heute kaum vorstellbar erscheint, wurde damals Eltern ernsthaft empfohlen. Die folgenden Aussagen stammen aus Johanna Haarers Buch und zeigen, wie eine Erziehung zur Hörigkeit praktisch umgesetzt werden sollte:
“Jedes Kind ist eine Schlacht”.
Man trenne ein Neugeborenes für die ersten 24 Stunden von seiner Mutter, auch weiterhin sollte das Baby möglichst keinen Körperkontakt bekommen.
Diese Aufforderungen sind in dem Buch zu finden, obwohl bereits damals aus der Forschung bekannt war, dass das schädlich für einen Säugling ist.
“Es gelte den Widerstand zu brechen”.
Auch ein schreiendes Kind müsse jederzeit tun, was alleinig die Mutter für richtig hält. Sonst sei es nicht die “richtige” Erziehung und die Mutter habe den Kampf gegen das Kind verloren.
Kinder sollen laut ihr hungern, um sie zu unterwerfen. Dazu alleine in einem Zimmer gelassen werden, um den Willen zu brechen. Denn wenn Mütter das nicht tun würden, dann würden die Kinder angeblich zu Tyrannen.
Was mich besonders entsetzt, ist dass diese “Empfehlungen” absichtlich völlig im Gegensatz zu dem stehen, was Kinder für sichere Bindung brauchen.
Warum wurde damals trotz besseren Wissens aus der Bindungsforschung an der autokratischen Erziehung und der enormen Strenge festgehalten?
Diese Erziehung war kein Versehen und kein harmloser Zeitgeist. Sie zielte darauf ab, Kinder an Gehorsam, Unterordnung und emotionale Härte zu gewöhnen. Kurzum eine Erziehung zur Hörigkeit.
Wenn dich Details zu den Stichworten “strenge Erziehung früher” interessieren – festgemacht an Aussagen von Adolf Hitler, gibt es dazu ein exzellentes, jedoch schwer verdauliches Buch von Sigrid Chamberlain. Es heißt Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, neu aufgelegt in 2016.
Warum wirkt diese Erziehung von früher noch heute nach?
Das Erschreckende daran ist: Viele dieser Überzeugungen verschwanden nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht einfach wieder.
Genau deshalb finden sich auch heute noch Sätze wie:
“Ein Kind braucht eben Konsequenzen.”
“Ein bisschen Angst hat noch niemandem geschadet.”
“Früher hat das schließlich auch funktioniert.”
Viele Menschen erkennen sich in fortgeführten Gedanken aus diesen Beispielen wieder. Vielleicht in einzelnen Sätzen, Regeln oder Gefühlen aus ihrer Kindheit.
Diese fortgeführten Überzeugungen stammen nicht aus böser Absicht, sondern aus einer Erziehung, die über Generationen weitergegeben wurde. Dabei geht es den meisten Eltern nicht darum, ihren Kindern zu schaden. Viele Eltern kämpfen gegen alte Sätze, alte Reflexe und ein Erziehungsverständnis, das sie selbst nie bewusst gewählt haben.
Autokratische Erziehung und ihre Folgen
Nicht jede strenge Erziehung war autokratisch. Gleichzeitig können bereits einzelne Elemente das Erleben eines Kindes nachhaltig prägen. Entscheidend ist dabei nicht nur, was Eltern tun, sondern wie häufig, wie intensiv und über welchen Zeitraum. Das hat Folgen:
Eigene Bedürfnisse werden kaum noch wahrgenommen
Wer als Kind immer wieder lernt, dass Gefühle, Wünsche oder Grenzen keine Rolle spielen, verliert häufig den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen. Viele Erwachsene merken erst Jahrzehnte später, dass sie kaum wissen, was sie selbst eigentlich möchten.
Ständige Angst, Fehler zu machen
Wenn Fehler regelmäßig bestraft wurden, entsteht häufig die Überzeugung, perfekt sein zu müssen. Kritik wird dadurch auch im Erwachsenenalter oft als persönliche Bedrohung erlebt.
Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
Wer gelernt hat, Autoritäten nicht zu widersprechen, sagt häufig auch als Erwachsener zu oft Ja, vermeidet Konflikte oder passt sich stark an. Dann findest du dich sicher auch im People Pleasing und Overexplaining wieder. (Links folgen)
Beziehungen fühlen sich unsicher an
Viele Betroffene wünschen sich Nähe und haben gleichzeitig Angst vor Ablehnung oder Kontrolle. Sichere Beziehungen aufzubauen fällt dadurch häufig schwerer.
Gewalt kann über Generationen weitergegeben werden
Und obwohl körperliche Strafen in Deutschland seit dem Jahr 2000 verboten sind 1, zeigen Untersuchungen 2, dass sie bis heute nicht aus dem Familienalltag verschwunden sind. Über 50% der Befragten glauben im Jahr 2020 noch immer, dass Gewalt in der Erziehung notwendig sei.
Lange galten Strenge, Härte und Gehorsam als sinnvolle Erziehungsziele. Heute zeigen zahlreiche Studien 2, 3, 4, 5 etwas anderes: Belastende Kindheitserfahrungen können die psychische und körperliche Gesundheit noch Jahrzehnte später beeinflussen. Dabei steigt das Risiko mit der Anzahl und Schwere der belastenden Erfahrungen.
Viele Betroffene merken erst später, dass sie nicht einfach „unsicher“ sind. Sie haben früh gelernt, dass Anpassung sicherer ist als Widerspruch, dass Fehler gefährlich sind und dass eigene Bedürfnisse Beziehungen belasten könnten.
Kann man Erziehungsfehler wieder gut machen?
Erziehungsfehler lassen sich oft wieder gut machen, wenn Eltern Verantwortung übernehmen und ihr Verhalten nachhaltig verändern. Wichtig sind Ehrlichkeit, Geduld und konsequente Beziehungsarbeit. Fortschritte zeigen sich daran, dass das Kind wieder Vertrauen fasst, offener kommuniziert und Nähe zulässt.
Vielleicht hast du dich beim Lesen aber an deine eigene Kindheit erinnert, du wünschst dir stärkeres Selbstvertrauen in dich. Oder du hast dich dabei ertappt, dass dir in Stresssituationen genau die Sätze herausrutschen, die du als Kind selbst gehört hast. Das kann ein schmerzhafter Moment sein. Gleichzeitig ist er oft der Beginn von Veränderung. Erziehung prägt – aber sie legt uns nicht für immer fest.
Hilfe bei Veränderung
Wenn du merkst, dass alte Erziehungsmuster in deiner Familie noch nachwirken – in deiner eigenen Unsicherheit, in Konflikten mit deinen Eltern oder in Sätzen, die dir selbst herausrutschen –, musst du diesen Weg nicht allein sortieren.
Im Coachiba Elterncoaching schauen wir gemeinsam hin: Wie kannst du heute anders handeln, ohne dich selbst oder dein Kind zu verlieren? Dabei geht es häufig nicht nur um die Beziehung zu deinem Kind, sondern auch um die Beziehung zu deinen eigenen Eltern. Manchmal steht die Frage im Raum, ob und wie sich diese Beziehung verbessern kann. Manchmal geht es auch darum, klare Grenzen zu setzen. Das ist in jeder Familie unterschiedlich. Aber in vielen Fällen ist es möglich, positiv auf Beziehungen einzuwirken.
Wenn du deine eigenen Herausforderungen rund um Familie, Beziehung und Erziehung besser verstehen und verändern möchtest, begleite ich dich gerne dabei.
Finde den Weg, der zu dir und deinem Kind passt
Deutsche und internationale Literatur zum Thema autokratische, strenge Erziehung früher oder Erziehung zur Hörigkeit:
1 § 1631 Abs. 2 BGB – Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung.
2 Clemens, V., Decker, O., Plener, P.L., Brähler, E. and Fegert, J.M. (2020) 20 Jahre gewaltfreie Erziehung im BGB: Aktuelle Einstellungen zu Körperstrafen und elterliches Erziehungsverhalten in Deutschland. Ulm: Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm; Deutscher Kinderschutzbund; UNICEF Deutschland.
3 Clemens, Huber-Lang et al. (2018) Association of child maltreatment subtypes and long-term physical health in a German representative sample
4 Habetha, Bleich et al. (2012) A Prevalence-Based Approach to Societal Costs Occurring in Consequence of Child Abuse and Neglect
5 Hughes, Bellis et al. (2017) The effect of multiple adverse childhood experiences on health: a systematic review and meta-analysis
Leseempfehlung:
Chamberlain, S. (2016) Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Alle Coachiba Blogbeiträge sind selbst verfasst, regelmäßig aktualisiert und umfangreich recherchiert.



