Was ist schwarze Pädagogik?
Welche Auswirkungen hat sie auf die Familie?
Die schwarze Pädagogik und die autoritäre Erziehung beeinflussen sich gegenseitig und sind noch heute weit verbreitet – obwohl entsprechende Erziehungsmethoden Kindern erheblich schaden können. Schwarze Pädagogik setzt unter anderem auf Strafen, Gehorsam und Kontrolle. Im Artikel erfährst du mehr zur Definition schwarze Pädagogik und zu ihren Auswirkungen auf Kinder.
Vor allem geht es hier um die Frage: Warum beeinflusst Schwarze Pädagogik viele Familien bis heute – obwohl niemand seine Kinder bewusst so erziehen möchte?
In diesem Artikel geht es um:
Um folgsame Soldaten heranzuziehen
…entstanden Erziehungsansätze, die bereits in der Antike in Sparta funktionierten.
Im Nationalsozialismus wurde Erziehung gezielt politisch instrumentalisiert. Gefördert wurden Gehorsam, Härte, Unterordnung und emotionale Kontrolle – Eigenschaften, die Menschen möglichst widerstandslos in die nationalsozialistische Gemeinschaft und später auch in militärische Strukturen einfügen sollten.⁵
Der Schlüssel, Menschen eben so zu programmieren, liegt darin, nicht auf die Bedürfnisse von Babys und Kindern einzugehen. Mütter wurden zu NS Zeiten instruiert ihre Kinder bewusst zu ignorieren und sie streng zu disziplinieren.5 Damit sind wir auch schon bei der Definition schwarze Pädagogik.
Was ist die schwarze Pädagogik?
Schwarze Pädagogik bezeichnet autoritäre und repressive Erziehungspraktiken, die auf Angst, Strafen, Gehorsam und Kontrolle setzen. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von Katharina Rutschky geprägt und beschreibt Erziehungsmethoden, bei denen Kinder durch emotionale Kälte, psychischen Druck oder körperliche Bestrafung angepasst werden sollten.¹
Heute wird Schwarze Pädagogik kritisch hinterfragt, da sie langfristige negative Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung hat.
Definition: der Begriff schwarze Pädagogik – was heisst das überhaupt?
Eine schreckliche Vorstellung von Kindern formt diesen Erziehungsstil. In der Pädagogik der Aufklärung und dem Philanthropismus war die Annahme, dass Babys als “Wilde” geboren würden und erst durch die Erziehung zur Vernunft hin entwickelt werden. Beziehungsweise, dass der Mensch zur Selbstentfaltung geformt und diszipliniert werden müsse, um gesellschaftliche Normen zu erfüllen und übertreffen.1 Fürchterlich oder?
Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass der Begriff “schwarze Pädagogik” daher in Fachkreisen ungerne gesehen ist. Da unwissenschaftlich pauschal Pädagogikkonzepte und Rahmenbedingungen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander vermischt werden.
Nichtsdestotrotz, definiert die schwarze Pädagogik ein übergreifendes Erziehungsziel und Methoden verschiedener Konzepte und Zeiten. Schwarze Pädagogik Strafen existieren noch heute weiter durch autoritäre Erziehung.
Wie zeigt sich schwarze Pädagogik
Eltern sind dem Kind übergeordnet
Diktatur: Sie treffen Entscheidungen und geben vor, wie das Verhalten in der Familie zu sein hat. Sie stellen Regeln auf und entscheiden über das “richtig” und “falsch”.
Strafe
Um Gehorsam zu sichern, wird mit schwarze Pädagogik Strafen – in Form von körperlicher Gewalt oder emotionaler Gewalt (Drohen, Isolieren, Demütigung, Einschüchterung und Liebesentzug) erzogen.
Auswirkungen der schwarzen Pädagogik
Wenn Kinder vor allem lernen, Vorgaben zu befolgen, statt eigene Entscheidungen zu entwickeln, kann genau das langfristig ihre Selbstständigkeit und eigene Orientierung erschweren. Psychologisch kontrollierende Erziehung greift in die Autonomieentwicklung ein und kann dazu führen, dass Verhalten stärker durch äußeren Druck als durch eigene Überzeugungen gesteuert wird.⁷
Auch Strafen bleiben nicht folgenlos. Forschung zu körperlicher Bestrafung zeigt Zusammenhänge mit ungünstigen psychischen und verhaltensbezogenen Entwicklungen sowie einer belasteteren Eltern-Kind-Beziehung.²
Besonders problematisch ist dabei die Botschaft, die beim Kind ankommen kann: Nicht nur mein Verhalten ist falsch – mit mir stimmt etwas nicht. Scham, Liebesentzug oder psychischer Druck können die Entwicklung eines stabilen Selbstbildes zusätzlich erschweren. Unsichere Bindung kann langfrisitg wenig emotionale Nähe und Beziehungsfähigkeit bedeuten, da sie in der Kindheit nicht erlernt wurde.
Dies kann anteilig und unbewusst von Eltern an Kinder weitergegeben werden.
Beispiele der schwarzen Pädagogik
Folgende Beispiele schwarzer Pädagogik sind extrem formuliert. Gerade deshalb ist interessant, dass manche der dahinterliegenden Vorstellungen in abgeschwächter Form bis heute weiterleben. Die ersten Aussagen stammen aus Johanna Haarers Erziehungsratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind.⁵
Nichtbeachtung
“Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält, und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen, kaltgestellt‘, in einen Raum gebracht, wo es allein sein kann, und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert.”
Keine Zuwendung
„Vor allem mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlaß mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Wickeln des Kindes und Stillen bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen …”
Machtkämpfe
“Es sind förmliche Kraftproben zwischen Mutter und Kind: Das Baby soll mit festem Griff bewegungslos gehalten werden, so daß es nur noch den Mund öffnen und schließen kann und schlucken muß, was der Erwachsene ihm zuteilt, und zu einem Zeitpunkt, den dieser bestimmt.“
Der Glaube an Machtkämpfe, und dass diese von Eltern nicht verloren werden dürfen, lebt noch heute weiter.
Der Tyrann
„Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.” Die Angst vor diesem angeblichen Tyrannen sitzt noch heute tief.
Beschämen und Bloßstellen
von Kindern waren anerkannte Mittel, sind jedoch absolut unzulässige schwarze Pädagogik Strafen. Sie bewirken dasselbe wie körperliche Züchtigung.
Wochenkrippen DDR
In der DDR brauchte man die Arbeitskräfte der Frauen. Kinder konnten für die 6-Tage Woche Montags früh in der Krippe abgegeben werden und erst am Freitagabend oder Samstag wieder abgeholt werden. Das war für Babys ab 6 Wochen bis zum Alter von 3 Jahren möglich. Erst 1992 wurden die letzten Wochenkrippen geschlossen.
Obwohl der Regierung Erkenntnisse der Auswirkungen auf die Kinder vorlagen, wurde an der Wochenbetreuung und langanhaltender Tagesbetreuung festgehalten.
Eva Schmidt Kolmer stellte bereits in den 50er Jahren als Ärztin Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern fest: Auffälligkeiten im Verhalten entstanden, wie beispielsweise der Hospitalismus – Kinder die reglos vor sich hinstarren und den Oberkörper vor- und zurückschaukeln. Auch Verzögerungen in der Motorik und Sprachentwicklung waren bekannt. In den Medien wurden die Kinder jedoch als “satt, sauber, gesund und gut erzogen” beschrieben.
Einige Kinderbetreuerinnen aus der Zeit berichten, dass Kinder Nachts zu ihrer eigenen Sicherheit ans Bett gefesselt wurden, von Zwangsernährung und weiterem.6
Das ist das Gegenteil von dem, was Kinder brauchen.
Das ist doch lange her … warum ist die schwarze Pädagogik noch relevant?
Johanna Haarers “Empfehlungen” erreichten ein Millionenpublikum. Sie wurden in der NS-Zeit über Reichsmütterschulungen und Kindergärten zusätzlich verbreitet.⁵ Auch kritisch zu bewertende Formen institutioneller Betreuung, wie zum Beispiel die Wochenkrippen der DDR wurden erst 1992 geschlossen.⁶
Damit ist die schwarze Pädagogik noch heute viel näher an Familien, als es zunächst scheint. Viele Eltern und Großeltern der heutigen Generation sind mit den erzieherischen Vorstellungen, Angst vor dem „verwöhnten“ und „tyrannischen“ Kind aufgewachsen – selbst wenn diese Methoden in der eigenen Familie nicht konsequent angewendet wurden.
Erfahrungen aus der eigenen Kindheit können die nächste Generation jedoch beeinflussen. Forschung zur Bindung zeigt eine messbare intergenerationale Weitergabe⁴, weil Vorstellungen von Gehorsam, Strafe und „richtiger“ Erziehung über Generationen zu etwas vermeintlich Normalem werden können.
Heutige Literatur – ähnlich dramatisch
Michael Winterhoff
griff mit seinem Bestseller “Warum unsere Kinder Tyrannen werden” genau die alte Angst auf. Seine Bücher verkauften sich millionenfach, hinzu kamen zahlreiche Talkshowauftritte und Vorträge.⁸
Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung zeigten gravierende Vorwürfe gegen seine Behandlungsmethoden auf. Ehemalige Patientinnen und Patienten berichteten von fragwürdigen Diagnosen sowie einer jahrelangen Verordnung des sedierenden Neuroleptikums Pipamperon. Zahlreiche Kinderpsychiater bezeichneten dieses Vorgehen als fachlich nicht vertretbar.⁸ Dazu gibt es eine im August 2021 ausgestrahlte ARD-Reportage.
Beratungsstellen
Was mich persönlich schockiert, sind Berichte meiner KundInnen, die in heutigen Deutschen Beratungsstellen Erziehungstipps erhalten, die in dieselbe Richtung gehen.
Ein prominentes Beispiel zeigte 2018 der Film Elternschule: Dort wurden Kinder mit Schlaf- und Essproblemen unter anderem durch konsequente Trennung und starke Verhaltenssteuerung behandelt. Die gezeigten Methoden wurden fachlich scharf kritisiert; Karl Heinz Brisch bezeichnete das Alleinlassen der Kinder mit Schlafstörungen als emotionale Gewalt.⁹
Kinder brauchen Führung und Grenzen. Aber Angst, Beschämung oder emotionale Distanz sind dafür nicht notwendig.
Es scheint jedoch leider nicht die Ausnahme zu sein, wenn Eltern Hilfe suchen. Ein in 2018 veröffentlichter Kinofilm “die Elternschule”, zeigt eine Kinderklinik in der Kinder mit Ess- und Schlafstörungen behandelt werden.
Ihre Eltern werden zu “mehr Härte und Strenge” geschult. Die Kinder mit Schlafstörungen wurden alleine in Zimmern abgeschottet und in absoluter Panik schreiend sich selbst überlassen, wie der Film zeigt. Die Klinik ist mittlerweile geschlossen.
Kinder brauchen Führung und Grenzen. Aber Angst, Beschämung oder emotionale Distanz sind dafür nicht notwendig.
Schwarze Pädagogik heute erkennen
Gerade bei herausforderndem Verhalten steigt das Risiko, in strafende oder sehr harte Erziehungsmuster zurückzufallen. Viele Eltern möchten bewusst anders erziehen – und merken trotzdem, wie schwer es sein kann, unter Druck die eigenen Prägungen zu verlassen.
Wenn du genau da festhängst, unterstütze ich dich gerne dabei, neue Wege zu finden, die zu dir und deinem Kind passen.
Hier gibt es Hilfe!
Wissenschaftliche Grundlagen und weiterführende Quellen
¹ Rutschky, K. (Hrsg.) (1997): Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Neuausgabe.
² Gershoff, E. T. & Grogan-Kaylor, A. (2016): Spanking and Child Outcomes: Old Controversies and New Meta-Analyses. Journal of Family Psychology, 30(4), 453–469.
³ Fegert, J. M. (Studienleitung) (2020): Studie zu den aktuellen Einstellungen zu Körperstrafen und elterlichem Erziehungsverhalten in Deutschland. Universitätsklinikum Ulm, UNICEF Deutschland & Deutscher Kinderschutzbund.
⁴ Verhage, M. L., Schuengel, C., Madigan, S., Fearon, R. M. P., Oosterman, M., Cassibba, R., Bakermans-Kranenburg, M. J. & van IJzendoorn, M. H. (2016): Narrowing the Transmission Gap: A Synthesis of Three Decades of Research on Intergenerational Transmission of Attachment. Psychological Bulletin, 142(4), 337–366.
⁵ Kratzer, A. (2018): Erziehung für den Führer – Hitlers Einfluss auf die Kindererziehung. Spektrum der Wissenschaft.
⁶ Heide, A. (2023): Dauerbetreuung in der DDR-Krippe – Die ewigen Wunden der Wochenkinder. Der Tagesspiegel.
⁷ Bradshaw, E. L., Duineveld, J., Conigrave, J. H., Steward, B. A., Ferber, K., Joussemet, M., Parker, P. D. & Ryan, R. M. (2024): Disentangling Autonomy-Supportive and Psychologically Controlling Parenting: A Meta-Analysis of Self-Determination Theory’s Dual Process Model Across Cultures. American Psychologist.
Interessant:
Deutschlandfunk Kultur (2018): Die Elternschule. Link: https://www.deutschlandfunkkultur.de/umstrittener-film-elternschule-die-kinder-sind-in-maximaler-100.html
Alle Coachiba Blogbeiträge sind selbst verfasst, regelmäßig aktualisiert und umfangreich recherchiert.



